Risse in der Fassade – Makel sind schön
Als ADHS-ler sehnt man sich nach Ordnung. Doch Vieles, was wir tun, fühlen oder denken, stösst bei unseren Mitmenschen auf Irritationen und Unverständnis. ADHS-ler fühlen sich selten wirklich verstanden. Der tiefe Wunsch, einfach normal zu sein und dazu zu gehören, ist riesengross. Doch leider laufen unsere Bemühungen oft ins Leere. Solch fehlende Orientierung kann zu hoffnungslosen Bemühungen führen, vor allem zum Streben nach Perfektion. Wir geben uns unendlich viel Mühe, die Sachen richtig zu tun. Der Grund dafür liegt wohl im tiefen Wunsch begründet, dass wir einfach nur anerkannt und geliebt werden möchten.
Ich erinnere mich noch lebhaft an den Kauf unseres Hauses. Ein sehr altes und charmantes, sehr eigenwilliges spitzgibliges Häuschen am Hang aus der Jahr-hundertwende. Keine Ecke ist im 90° Winkel. Die Einheimischen nennen es liebevoll «Schlössli» wegen seiner Form. Sogar die angrenzende Strasse wurde nach ihm benannt. Doch es hatte sehr viele Makel, wie wir erst im Nachhinein feststellen mussten. Ein Architekt, den wir zuerst beigezogen haben, um die Renovierungen zu planen, schüttelte nur den Kopf und meinte, dass er das er nie gekauft hätte. Auch alle Verwandte und Freunde bestätigten seine Sicht. Als wir dann auch noch einen durchgehenden, riesengrossen Riss an der Aussenfassade feststellten, kam Panik auf. Fällt unser Haus bald auseinander, war der erste Gedanke. Ebenso waren die Dachbalken wurmstichig und die Eisenträger an der Kellerdecke durchgerostet. Wir konnten definitiv nicht mehr gut schlafen. Wir erkundigten uns besorgt bei unseren direkten Nachbarn und lokalen Baumeistern. Diese meinten aber alle gelassen: «Alle Häuser hier am Hang rutschen, das ist völlig normal…man nennt das Setzrisse» erklärten sie; es gäbe keinen Grund zur Sorge.
Doch unser Gedanke war, dass wir eine Fehlkauf getätigt haben, ein Haus voller Mängel. Das hinterliess ein sehr schlechtes Gefühl. Wir mussten uns mit der Endlichkeit auseinandersetzen. Bis dato gingen wir davon aus, dass Häuser für immer stehen bleiben und nie «sterben». Wir gaben nicht auf und zogen weitere Architekten zu. Ein renommiertes Architekturbüro, das das Haus ebenfalls begutachtete, meinte nach einem sehr kurzen Augenschein, dass alle Fenster «blind» seien und ausgewechselt werden müssten. Komisch, dachten wir, denn wir sahen das wunderbare Grün im Garten ziemlich klar und scharf. So lernten wir mit der Zeit, dass Beobachtungen und Bewertungen von Fachleuten immer zu relativieren sind.
Wir haben weitergemacht und haben das Haus über eine lange Zeit hinweg mit sensiblen Handwerkern renoviert. Es wurde letztlich ein Bijou, eben weil es nie perfekt war und nie sein wird. Es war nie ein 08/15 Häuschen und wird nie eines werden. 08/15-Lösungen sind nichts für neurodivergente Menschen.
Heute – Jahrzehnte später – ist dieses Häuschen im Quartier eines der wenigen, das nicht durch ein rentableres grösseres Haus ersetzt wurde. Es bleibt mit Makeln behaftet schön und schmunzelt selbstbewusst in seiner Schönheit. Wie sagt man so schön: Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Makel sind schön.